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„Eine ältere Gesellschaft hat mehr zu versichern“

● 20.10.2026 ● 5 Minuten Lesezeit

Der demografische Wandel beeinflusst unsere Pensionen, unser Arbeiten, unsere Gesellschaft. Für eine Versicherung birgt er schon deshalb Chancen, weil ältere Menschen tendenziell konservativer und damit versicherungsaffiner sind. 

Konkret steigen Präventionsbedarf und vielfach auch Präventionsbedürfnis. Wobei die Eigenverantwortung in Österreich ausbaufähig bleibt. Barbara Obmann, Generalagentin im Burgenland, Lismarie Paschon, Group Organizational Development, Juri Reich, Inhouse Consuting, und Marcel Gabalin, Market Intelligence & Transformation, sprechen im Megatrend-Interview über Herausforderungen und Hebel eines Subtrends mit großer Durchschlagskraft.

 

Eine ältere Gesellschaft hat mehr zu verlieren und damit hat sie mehr zu versichern.

Juri Reich

 

Was kennzeichnet den demografischen Wandel, der im UNIQA Weltbild zwischen den Megatrends Gesundheit und Sozialer Wandel angeführt wird, und wie sieht unsere persönliche Perspektive aus?

Juri: Der demografische Wandel ist ein Querschnittsthema. Eine ältere Gesellschaft braucht eine andere Gesundheitsversorgung, eine andere Finanzierung, es entstehen andere Lebensmodelle. Dieser Trend ist extrem zäh, stark und vorhersehbar, ein Trend, an den wir uns anpassen müssen.
Marcel: Im Jahr 2070 entfallen nur noch 1,8 Erwerbstätige auf eine Pensionistin, einen Pensionisten, heute sind es noch 3,1. Zur Überalterung kommt die sinkende Geburtenrate mit 1,3 Kindern pro Frau aktuell. Das Umlagesystem kommt an seine Grenzen. Wir werden die zweite und dritte Säule der Altersvorsorge ausbauen müssen, die private Krankenversicherung wird stark wachsen.
Juri: Viel wird darauf ankommen, ob es uns gelingt, unsere Jugend zu strecken, zu verlängern, wozu auch lebenslanges Lernen beiträgt.
Marcel: Eher altern wir überdurchschnittlich ungesund, auch finanziell geht es uns schlechter und einige von uns, die wir hier sitzen, werden im Alter auf Pflegepersonal angewiesen sein. 

Barbara, macht sich diese Entwicklung heute schon unter Kundinnen und Kunden bemerkbar?

Barbara: Mir kommt es heute vor wie einst zwischen dem Mittelalter und der Renaissance. Besonders mit Blick auf die Generation der 30- bis 40-Jährigen. Die Individualität wird wichtiger, auch durch die KI, Menschen wollen ihre Berufung leben, Spaß an der Arbeit haben, weiter gefordert sein und sie haben nicht die Vision der Pension vor sich. Sie wollen Prävention und individuelle Gesundheitsvorsorge, überlegen sich ihre Ernährung, denken an ihre psychische Gesundheit, alles, um gut, glücklich und zufrieden leben zu können. Leider wird derzeit medial auch Angst hochgehalten, alles wird schlechter, Angst vor Einkommensverlust, Angst, ein Pflegefall zu werden.
Marcel: Ja, die Angst wird medial gepusht, Wartezeiten im Spital bzw. die Berichterstattung darüber sind ein massiver Treiber des Neugeschäfts, auf zwölf, 13 Prozent aktuell. Die privaten laufenden Ausgaben für Prävention allerdings sind nicht so hoch und bei der Finanzvorsorge haben wir ohnehin das Problem des entfernten Nutzens, weil die Pension immer mehr oder weniger weit weg ist.
Barbara: Dies kommt aus unserer Historie in Österreich. Wir leben in einem sehr sozialen Gefüge mit einem hohen Niveau der Gesundheitsversorgung und einem hohen monetären Pensionsniveau im Vergleich zu anderen Ländern. Menschen in Österreich erkennen oft den Bedarf der Pflegeversicherung noch nicht. 

 

Im Jahr 2070 entfallen nur noch 1,8 Erwerbstätige auf eine Pensionistin, einen Pensionisten, heute sind es noch 3,1.

Marcel Gabalin

 

Welche Angebote können hier verfangen, die Pflegeversicherung zumindest derzeit nicht?

Marcel: Wir haben gute Angebote aus unserem Gesundheitsökosystem heraus, wir bringen jeden Frühling neue Sparprodukte und wir werden in die kapitalgedeckte Finanzvorsorge gehen. Die Pflegeversicherung ist nicht nur bei uns ein Nischenprodukt, sie wächst branchenweit unter der Inflation.
Barbara: Kundinnen und Kunden bevorzugen den Abschluss einer Lebensversicherung, so können sie über das Kapital frei verfügen und haben dadurch mehr Flexibilität. 

Der demografische Wandel ist ein vorhersehbarer Trend, vorhersehbar ist also auch, dass wir alle länger arbeiten. Aber wie werden wir arbeiten?

Lismarie: Wir müssen die wertvollen Erfahrungen langjähriger Mitarbeitender mit der Anpassungsfähigkeit an neue Situationen koppeln. Das ist dann die Super-Power. Die Künstliche Intelligenz kann helfen, aber es braucht die Anschubenergie, sie so zu nutzen, dass sie mir tatsächlich mehr Zeit gibt. Ich vergleiche die KI gern mit dem Taschenrechner. So wie er wird sie nicht mehr wegzudenken sein. Diese Anpassungsfähigkeit ist keine Frage des Alters, sondern eine des Mindsets, der Offenheit. Die meisten Rollen werden sich verändern. Mitarbeitende, die mit KI arbeiten, werden die ersetzen, die das nicht tun.
Juri: Die KI hat den Vorteil, dass sie intuitiv ist, die Leute sollten sich heute leichter tun mit dem Übergang.
Barbara:  Aber zugleich werden derzeit ältere Mitarbeitende oft aus Kostengründen von Unternehmen gekündigt, womit viel Fachwissen verloren geht. Zum Vergleich ein Beispiel, in Neuseeland arbeiten Menschen bis ins sehr hohe Alter, wenn oft auch nur wenige Stunden je Woche. Dort sehen wir international eine der geringste Demenzraten, weil der Mensch gefordert wird und sich auch gebraucht fühlt.
Lismarie: Ja, genau diese Mitarbeitenden bleiben relevant, indem sie ihre Skills mit wertvollem Erfahrungswissen verbinden und offen für Veränderungen bleiben. In einer skillbasierten Organisation kommt es auf die individuellen Fähigkeiten an. 

 

Menschen wollen Prävention und individuelle Gesundheitsvorsorge, überlegen sich ihre Ernährung, denken an ihre psychische Gesundheit, alles, um gut, glücklich und zufrieden leben zu können.

Barbara Obmann

Aber werden wir genug Arbeit für alle haben?

Juri: Es wäre ein falsches Versprechen zu sagen, jede und jeder kann bis 75 arbeiten. Wir müssen Mikro- und Makroebene sehen, was ist für die, den Einzelnen gut, was für ein börsennotiertes Unternehmen. Die KI wird viel automatisieren, Tätigkeiten fallen weg. Der Produktionsgewinn durch KI muss besser verteilt werden. Wir werden andere Arbeitsbiografien haben, nicht das durchgängige Erwerbsleben, wir werden zwischenzeitlich Carearbeit leisten, eine Weiterbildung machen, dann wieder arbeiten. Und nicht 30 Jahre in Pension sein.
Lismarie: Das ist ein gesellschaftlicher Wandel, der schrittweise vonstattengehen wird. Wenn Menschen künftig länger erwerbstätig bleiben sollen, braucht es neben einer Weiterentwicklung des Pensionssystems vor allem flexible Arbeitsmodelle, die unterschiedliche Lebensphasen, Belastbarkeit und individuelle Bedürfnisse berücksichtigen.
Barbara: Unser Pensionssystem fördert es momentan nicht, länger zu arbeiten.
Marcel: Wir brauchen steuerliche Incentivierungen, damit es für Arbeitgeber attraktiv wird, die Menschen länger zu halten. Und steuerliche Anreize für die zweite und dritte Säule der Finanzvorsorge.   

Vieles liegt beim Staat, aber vieles liegt auch bei uns, welche Asse hat UNIQA im Ärmel?

Marcel: In der Krankenversicherung bieten wir Access to care, wenn das staatliche System überlastet ist. Wir halten mit den MavieMed Kliniken rund 35 Prozent Marktanteil in Österreich. Mit der Terminverfügbarkeit von LARA sind wir in Wien bereits versorgungsrelevant. Wir sind eine glaubwürdige Arbeitgeberin in der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.
Lismarie: Wir haben nicht alle arbeitsmarktpolitischen Rahmenbedingungen selbst in der Hand, können aber Impulse setzen. Unser größter Hebel liegt darin, als Arbeitgeberin attraktiv zu bleiben und Arbeitsbedingungen zu schaffen, die Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen langfristig ansprechen und im Unternehmen halten.
Juri: Der demografische Wandel ist für uns zumindest kurzfristig auch eine Chance. Eine ältere Gesellschaft ist konservativer, veranlagt ihr Geld lieber in der Lebensversicherung. Sie hat mehr zu verlieren und damit hat sie mehr zu versichern.

Das Interview führte Barbara Morawetz. Fotos: UNIQA Grafik, privat 

 

Diese Anpassungsfähigkeit ist keine Frage des Alters, sondern eine des Mindsets, der Offenheit.

Lismarie Paschon

Über die Personen:

Lismarie Paschon bringt umfassende Beratungserfahrung aus zahlreichen Transformationen mit und gestaltet seit März 2026 Organisationsentwicklung in der UNIQA Insurance Group. Ihr besonderer Fokus gilt der Frage, wie KI unsere Arbeitswelt verändert und wie Menschen und Organisationen befähigt werden können, diesen Wandel aktiv mitzugestalten und die Skills für die Zukunft aufzubauen.

Juri Reich leitet die Abteilung Inhouse Consulting im Bereich Strategy und Transformation. Wie alle Mitglieder seines Teams hat er seine beruflichen Wurzeln in der Managementberatung. Juris Arbeit fokussiert sich auf unsere gruppenweite Strategie sowie auf zahlreiche weitere, strategisch relevante Projekte in verschiedenen Unternehmensbereichen.

Barbara Obmann ist seit 30 Jahren als selbstständige Versicherungsagentin mit eigenem Kundenbüro tätig. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen die Kundinnen und Kunden mit ihren individuellen Bedürfnissen und Lebenssituationen. Sie betreut sowohl Privatkundinnen und Privatkunden als auch Klein- und Mittelbetriebe persönlich und individuell. Ziel ist eine passende Versicherungslösung, die Sicherheit schafft und die jeweiligen Lebens- und Unternehmensbereiche bestmöglich absichert.


Marcel Gabalin gestaltet seit sechs Jahren strategische Transformation bei UNIQA und bringt dabei seine Erfahrung als ehemaliger Strategieberater ein. Sein Fokus liegt darauf, demografischen Wandel nicht nur als Herausforderung zu verstehen, sondern als Ausgangspunkt für neue Vorsorge-, Kunden- und Wachstumsstrategien.


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