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Innovation

Player in der Vertrauensbildung

22.06.2026 5 Minuten Lesezeit

Wie der Megatrend „Digitalisierung und KI“ auf die Gesellschaft durchschlägt, hängt nicht zuletzt an Großunternehmen und ihrem Umgang damit. Eine interne Expertenrunde diskutiert ihre Einschätzungen zu ethischer Verantwortung, engen Zeitfenstern und Idealbildern im Zusammenspiel von Mensch und Maschine. 

Die nächsten drei, vier Jahre werden rasante Veränderungen bringen, sind sich Angelika Gottweis (Group Data & AI), Florian Polt (Group Security & Resilience), Andreas Wimmer (Corporate Business Financial Lines) und Juri Reich (Inhouse Consulting) einig. Durchaus auch zum Besseren. Arbeiten könnte spannender, Systeme könnten sicherer und Qualität könnte verbessert werden. Gestaltungswille vorausgesetzt. 


Megatrends sind Treiber des Wandels, so steht es in unserem Weltbild, wer aber treibt die Megatrends und haben wir einen Einfluss auf sie? 
Juri: Nein, die Megatrends an sich können wir nicht beeinflussen, an etwas wie Digitalisierung oder den Klimawandel müssen wir uns schlicht anpassen. Aber die Folgen von Megatrends können wir beeinflussen, hier gibt es eine starke Verhaltenskomponente. Wir haben eine Mediatorenrolle als Versicherung. 
Angelika: Als Unternehmen haben wir einen wichtigen Hebel, weil wir entscheiden, wie wir neue Technologien einsetzen – das darf man nicht unterschätzen. Wir sind ein Player in der Vertrauensbildung. Unser Umgang mit KI kann eine misstrauische Einstellung in der Gesellschaft sowohl verstärken als auch entkräften.  
Florian: Auch auf Geschäftsseite haben wir einen Hebel, Cyberunderwriting hat in den letzten Jahren mehr bewegt als jede Regulatorik.  


Indem wir den Kundinnen und Kunden gesagt haben, ihr müsst Sicherheitsmaßnahmen ergreifen, dann wird das Risiko versicherbar? 
Andreas: Ja, dieser Ansatz hat grundsätzlich funktioniert, der Firmenkunde muss selbst auch sein Risiko sehen – aber er führt oft in technische Detaildiskussionen, die viele Kundinnen und Kunden abschrecken. Deshalb haben wir bewusst einen zusätzlichen Zugang gewählt: Für klar definierte Risiken bis zu einer gewissen Größenordnung verzichten wir auf umfangreiche Risikofragen, um die Kunden besser zu erreichen. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dass wir Risiken unkontrolliert übernehmen. Wir arbeiten mit Risikoscans, standardisierten Annahmekriterien und sammeln über dieses Modell strukturiert Erfahrungswerte – und wir sind entsprechend rückver- und abgesichert. 

 

Wir erleben das verstärkte Zusammenspiel von Mensch und Maschine zweifach, weil uns die Risiken selbst betreffen und weil wir andere vor diesen Risiken schützen. Wie wird dieses Zusammenspiel unsere Zukunft bestimmen? Was sind die Parallelen, was sind Unterschiede zur industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts? 
Juri: Die Rolle von menschlicher Arbeit verändert sich. Im Unterschied zur industriellen Revolution ist die Teilhabe heute viel größer, die Veränderung demokratisiert. Damals war vorrangig die Arbeiterklasse betroffen, heute ist es die Mittelschicht, die Wissensarbeiter. Aber vor allem haben wir heute ganz andere staatliche Absicherungen als damals. Vielleicht muss die Rolle, Verteilung und Entlohnung von Arbeit gesellschaftlich neu gedacht werden. 
Florian: Für mich ist der große Unterschied die Anpassungszeit, das waren damals über 50 Jahre, heute haben wir drei, vier Jahre Zeit. Und das macht mir schon Sorgen, als Vater, unser Schulsystem hinkt weit nach.  
Angelika: Neben den bereits erwähnten Unterschieden zeigt sich auch ein wesentlicher Unterschied in der wirtschaftlichen Logik: In der industriellen Revolution wurden Maschinen erst dann breit eingesetzt, als sie kostengünstiger und effizienter als menschliche Arbeit waren. Bei KI hingegen ist das heute oft noch nicht der Fall. Der Einsatz von KI wird aktuell sehr gehypt, aber der wirtschaftliche Nutzen ist bislang oft noch begrenzt. Spannend finde ich auch, dass noch vor einigen Jahren die Einschätzung eher war, dass überwiegend manuelle Berufe und Tätigkeiten durch den Einsatz von Robotern bedroht sein werden. Heute sehen wir, dass KI alle betrifft, insbesondere auch die kreativen Berufe bzw. Berufe, bei denen kognitive Fähigkeiten gefragt sind. Es stehen also grundlegende Veränderungen bevor, auch wenn die massiven Jobverluste möglicherweise überschätzt werden. Die eigentliche Herausforderung sehe ich vielmehr darin, dass Teile der Bevölkerung bei dieser Entwicklung nicht ausreichend mitgenommen werden – und genau diese Angst machen sich manche auch gezielt zunutze. 


Wenn wir von Angst reden, reden wir von Macht, wird letztlich Macht, Verantwortung an die Künstliche Intelligenz abgegeben? 
Florian: Meine Kernthese ist, Verantwortung lässt sich rechtlich delegieren, aber ethisch nicht. Wir reden von Human in the Loop, mir gefällt Human in the Lead besser.  
Angelika: Das Regelwerk der EU, insbesondere der EU AI Act, basiert letztendlich auf unseren europäischen Werten und unseren Grundrechten und nimmt die Unternehmen in die Pflicht. Es setzt damit eine klare Baseline: Bestimmte KI-Anwendungen sind mit diesen Werten nicht vereinbar, z. B. Social Scoring, wie wir es etwa aus China kennen. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis, dass viele unserer konkreten Use Cases – auch bei UNIQA – regulatorisch wenig bis gar nicht geregelt sind. Das bedeutet aber nicht, dass hier kein Risiko besteht – im Gegenteil: Diesen Bereich müssen wir eigenverantwortlich – durch aktive und gezielte AI Governance – steuern. Das Haftungs- und Reputationsrisiko und somit die Verantwortung bleiben bei UNIQA. Das können wir nicht an die KI auslagern. 


Welche Herausforderungen birgt das in der Kundenansprache? 
Angelika: Ich denke, in der Kundenkommunikation sollten wir jedenfalls noch eine Zeit lang parallele Wege anbieten: Es gibt bereits heute Kundinnen und Kunden, die einen vollständig digitalen Abschluss einer Versicherung oder die digitale Abwicklung eines Schadens bevorzugen. Gleichzeitig erwarten und schätzen ganz viele weiterhin den persönlichen Kontakt und möchten mit einem Menschen sprechen.  
Andreas: Wir ermöglichen die individuelle Ansprache, der Kunde entscheidet. Gleichzeitig sehen wir schon KI-Apps, die in der Beratung da und dort Maklerunternehmen unter Druck setzen. Denkbar wäre ja sogar, dass KI-Lösungen irgendwann selbst einen Versicherungsverein gründen und die Risiken aus ihrem Pool tragen!  
Florian: Aber wir haben den digitalen Wandel ja schon einmal gesehen, was Google war, ist jetzt ChatGPT, dieser Wechsel wird passieren, die Leute fragen jetzt die KI. Wir müssen uns so aufstellen, dass wir eine organisatorische Resilienz schaffen, egal, wo der Kunde, die Kundin anfragt, er oder sie bekommt Antwort in der gleichen Qualität. 
Angelika: Wenn heute jemand bei uns nachfragt, bekommt er oder sie möglicherweise nicht überall dieselbe Auskunft. Vielleicht schaffen wir durch eine gute Digitalisierung – denn darum geht es ja auch, es geht nicht nur um KI – eine Qualitätsverbesserung für die Kundinnen und Kunden. Mitarbeitende, Bewerberinnen und Bewerber, Kundinnen und Kunden, alle müssen von neuen Technologien einen Nutzen haben. 

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Als Unternehmen haben wir einen wichtigen Hebel, weil wir entscheiden, wie wir neue Technologien einsetzen – das darf man nicht unterschätzen. 

Angelika Gottweis, UNIQA Group Data & AI

 

Wir befinden uns in einem stetigen Wettlauf, je mehr technische Möglichkeiten, desto mehr Gefahr, mehr Regulierungen, desto mehr – von vielen so empfundene – Arbeitserschwernisse. Ist das eine verkürzte Darstellung und wie geht das weiter? 
Florian: Regulierung ist das Einzige, das Sicherheit nachweislich erzwingt. Wir haben ein Match, die Geschwindigkeit der Angreifer gegen die Trägheit der Verteidiger.  
Es stimmt, die EU neigt in Sachen Regulatorik im ersten Schwung zu überbordenden Maßnahmen. Aber in der Überprüfung, in der Implementierung pendelt sich das dann ein. Das ist ein systematisches Vorgehen. Die EU setzt damit sehr oft Standards, bei denen Nicht-EU-Länder später nachziehen. Das haben wir bei DORA erlebt und beim Datenschutz.  
Was wir mit der KI sehen, ist, dass Angreifer schneller werden. Die Zeitspanne zwischen dem Auftauchen einer Schwachstelle bis zu deren Ausnützung lag 2023 bei einem Jahr. Heute sind es nachgewiesen 25 Stunden. Das ist das Zeitfenster, das wir zur Verfügung haben – daher müssen wir in unseren IT-Systemen die Verwundbarkeiten schneller schließen. Aber: Die KI zieht auch in die Entwicklung ein, wir können sie nützen, um IT-Systeme schon frühzeitig abzusichern. So werden über die Zeit die Risiken geringer. Ich glaube, dass wir in einer idealen Welt dann irgendwann gar keine Verwundbarkeiten mehr haben.  
Angelika: Ich kann mich da nur anschließen. Die EU Regulatorik sollte nicht immer nur als Hemmschuh betrachtet werden. Am Beispiel der Datenschutzgrundverordnung zeigt sich, dass Regulierung bis zu einem gewissen Grad auch ein Innovationstreiber sein kann. Der EU AI Act ist eine wichtige Grundlage für vertrauenswürdige KI und stärkt damit Vertrauen in diese Technologien. Es ist jetzt wichtig, dass wir eine KI schaffen, die den Menschen dient und die menschenzentriert ist.  
Juri: Die Regulatorik hemmt und schützt gleichzeitig. Beim Austesten von Grenzen in einer Entwicklung bringt sie natürlich Nachteile. Aber sie kann auch ein Wettbewerbsvorteil sein. Ich speichere meine persönlichen Daten auch lieber in einer Cloud in Europa. 

Wir sind als Versicherung per definitionem Risikomanagerin, oder, wie unser CRO Kurt Svoboda gern sagt, Chancenmanagerin. Welche Chancen der Digitalisierung haben wir ergriffen, vielleicht besser ergriffen als andere? 
Juri: Wir haben viel in unsere Kernsysteme investiert, modernisiert und sind hier weit fortgeschritten. myUNIQA etwa ist eine selbstverständlich genutzte Kundenschnittstelle. Infrastrukturell haben wir unsere Hausaufgaben gemacht. 
Angelika: Ja, UNIQA ist sehr innovationsfreundlich, im Österreichvergleich agieren andere Unternehmen teilweise viel zurückhaltender. Neue Tools werden bei uns breit zur Verfügung gestellt. 
Florian: UNIQA 3.0 hat uns geholfen, in einem sicheren Umfeld experimentieren zu können.  

Wenn ihr an euch selbst und euer, auch privates, Umfeld denkt: Was hat sich in der letzten Zeit verändert, habt ihr selbst euch verändert? 
Florian: Ich kann endlich programmieren; habe auch privat begonnen manches auszuprobieren, immer mit Human in the Lead. Beruflich hat sich das Tempo geändert, ich lasse mir das Briefingdokument in ein paar Minuten zusammenschreiben.  
Juri: Die KI ist ein extremer Lernbeschleuniger. Früher musste man ein ganzes Buch lesen, jetzt kann man gleich mit dem Autor in Kontakt treten, lernen funktioniert dialogbasiert. 
Angelika: Ich lasse mich in meinem Fachgebiet, z. B. in der juristischen Recherche oder Dokumentenerstellung, laufend von der KI unterstützen. Auch privat ist die KI ein sehr nützlicher Begleiter für mich, z. B. bei der Reiseplanung. Die zunehmende Beschleunigung durch die Digitalisierung führt aber auch dazu, dass ich mir immer seltener die Zeit nehme, einfach mal ins Narrenkastl zu schauen.   
Andreas: Ich arbeite viel mit der Künstlichen Intelligenz und kann sagen, ab und zu halluziniert sie auch. Ich habe mir letztens eine Präsentation machen lassen und wurde gefragt, ob ich sie im UNIQA Rot haben möchte. Da ist definitiv noch etwas durcheinandergekommen.